Teilhabe mit Epilepsie

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Am DUOday öffnen Unternehmen und Träger einer Person mit einer geistigen, seelischen oder körperlichen Beeinträchtigung ihre Türen, um ihnen für einen Tag Einblicke in verschiedene Jobs zu gewähren. Ende Mai fand dieser Tag in Hamburg statt. Bei uns zu Gast in der Öffentlichkeitsarbeit war Lenny Stiehl, ein junger Mann mit Epilepsie, der auf der Suche nach einer beruflichen Perspektive ist.

Donnerstag, 09:30 Uhr - Lenny Stiehl erscheint pünktlich in der Geschäftsstelle der alsterdorf assistenz ost und stellt sich der Kollegin aus der Öffentlichkeitsarbeit vor, der er für einen Tag über die Schulter schauen wird. Vorerfahrung bringt er keine mit, das ist für diesen Anlass auch nicht nötig.
Beim DUOday geht es darum, Menschen mit verschiedensten Einschränkungen Einblicke in den sogenannten ersten Arbeitsmarkt zu gewähren. Lenny hatte sich eine Hospitation im Verkauf oder einer Social Media Stelle gewünscht. Letzteres ist ein Teilbereich unserer Öffentlichkeitsarbeit.

Zunächst will die Mitarbeiterin Lenny besser kennenlernen. Sie stellt ihm Fragen zu seinem bisherigen Werdegang und wie er zur Teilnahme am DUOday gekommen ist. „Ich bin über JobMe hier. Das ist das Reha-Programm von alsterarbeit für Epileptiker*innen“, erklärt Lenny. JobMe unterstützt Menschen mit Epilepsie bei ihrer beruflichen (Wieder-)Eingliederung. Seit Anfang des Jahres nimmt Lenny an dem Programm teil. Seine Diagnose hat er bereits vor einigen Jahren bekommen.

„Meinen ersten Anfall hatte ich mit 18. Damals wusste ich überhaupt nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich habe erstmal alles gemieden, was einen Anfall auslösen könnte: Konzerte, Clubs, Zocken. Heute bin ich aber medikamentös gut eingestellt. Mein letzter Anfall ist schon eineinhalb Jahre her.“

Obwohl es Lenny heute meist gut geht, hat er Schwierigkeiten, seinen Platz auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Bis auf ein Jahr im Corona Testzentrum fehlt dem 23-Jährigen jegliche Berufserfahrung.
„Die meisten Unternehmen haben Vorurteile gegenüber Menschen mit Epilepsie. Ich habe mich schon an mehreren Stellen beworben, teils bin ich persönlich in die Ladengeschäfte gegangen und habe mich dort vorgestellt. Ich wurde immer wieder mit der Begründung abgelehnt, dass gerade kein Personalbedarf besteht. Als Epileptiker falle ich irgendwie durch’s Raster. Ich habe zwar bestimmte Einschränkungen, diese reichen aber nicht für einen Behindertenausweis.“

Lenny hat eine abgebrochene Ausbildung als Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice. Privat interessiert er sich vor allem für Computerspiele und Mangas. Er könnte sich eine Stelle im Verkauf bei einem Comicladen oder einem Elektrohändler vorstellen. Für Technik scheint er sich durchaus begeistern zu können. Als die Kollegin ihm ein Handygimbal in die Hand drückt, mit dem er am Nachmittag einen Besuch in der Tagesförderung filmen soll, ist er schnell dabei, die verschiedenen Funktionen zu studieren.

Bei JobMe hat Lenny viel über das Thema Epilepsie gelernt und ist parallel von einer Neuropsychologin betreut worden. Dabei ist der Verdacht aufgekommen, dass Lenny neben der Epilepsie auch ADHS haben könnte. Das würde seine eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit begründen. „Tatsächlich wäre die Diagnose eine ziemliche Erleichterung für mich, weil sie vieles in meinem Leben erklären würde“, sagt Lenny.

Gleichwohl zeigt er sich aufgeschlossen gegenüber den Tätigkeiten, die an diesem Tag anfallen. Er denkt mit bei der Entwicklung eines kreativen Etiketten-Slogans und zeigt sich auf dem Weg zur Dreh-Location redselig. In der Tagesförderung Schiffbeker Weg angekommen, wird er gleich zum Einsatz gebeten. Es geht darum, die neue Tover Tafel in Aktion zu filmen. Die Tover Tafel ist ein Projektor mit Bewegungssensor, mit dem man verschiedene Spiele durchlaufen kann. Spiele sind genau Lennys Ding. Besonders fasziniert ihn die digitale Jagd nach Maulwürfen. Statt jedoch selber mitzuspielen, filmt er die Klient*innen mit der Handykamera und folgt dabei den Anweisungen der Mitarbeiterin. Auch das anschließende Interview mit einem Assistenten begleitet er souverän hinter der Kamera.

Neben Informationen zu seiner Krankheit erhält Lenny bei JobMe ein intensives Job-Coaching, in dem es darum geht, seinen Lebenslauf zu optimieren und herauszufinden, was ihm wirklich Spaß macht. Perspektivisch soll er so die Chance auf einen Praktikumsplatz haben, der im besten Fall in eine Festanstellung mündet. Lennys Ziel ist es, eigenständig zu sein und bei seinen Eltern ausziehen zu können. Wir wünschen ihm für dieses Vorhaben alles Gute und haben uns gefreut, ihm einen kleinen Ausschnitt aus unserer Berufspraxis zu zeigen.

 

 


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