„Ich arbeite gerne mit Menschen. Menschen mit Behinderung sind Menschen. Punkt.“

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Michael Jürgensen arbeitet seit 30 Jahren bei der alsterdorf assistenz ost und hat viele verschiedene Perspektiven auf die Eingliederungshilfe und seinen Arbeitgeber gewonnen. Im Interview berichtet er über seine Zeit im Wohnhaus, in der Geschäftsstelle und der Tagesförderung.

Sie sind die erste Person aus unserer Jubiliäums-Reihe. Was ist Ihr aktuelles Einsatzgebiet bei der alserdorf assistenz ost?

Aktuell bin ich Assistenzteamleitung in der Tagesförderung Manshardtstraße. Zu meinen Aufgaben gehören also vor allem die Personalführung und -einsatzplanung, die Ausgestaltung unserer Angebote, Budgetkalkulation, der Abgleich unserer täglichen Arbeit mit dem Leitbild des Unternehmens und den Leistungsvereinbarungen mit Kostenträgern - aber natürlich auch profane Dinge wie die Umsetzung der Brandschutzordnung und Co (lacht). Es ist ein schönes Rundumpaket. Letztlich bin ich wohl dafür verantwortlich, dass es allen vor Ort gut geht.

Sie sind seit drei Jahrzehnten bei der Firma angestellt. Seither haben Sie einige Stationen durchlaufen. Wie sind Sie damals zur alsterdorf assistenz ost gekommen?

Mein Einstieg in den sozialen Bereich ist mehr dem Zufall geschuldet. Nach dem Abitur habe ich zunächst Mathematik studiert, musste aber im Anschluss noch meinen Zivildienst leisten. Den habe ich in einem Wohn- und Assistenzangebot der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in der Dorotheenstraße gemacht. Im Anschluss an die Zeit habe ich dann gleich ein Jobangebot bekommen.

…und sind seitdem nie wieder woanders gewesen?

Ich hatte zunächst vor, meine Doktorarbeit in Mathematik zu schreiben. Es stellte sich aber heraus, dass die Promotion nicht wirklich mein Ding war. Also entschied ich mich dafür, ein weiteres Studium der Sozialpädagogik anzuhängen und mein Interesse an der Sozialen Arbeit mit einer Ausbildung zu untermauern. Mein Anerkennungsjahr habe ich bewusst nicht bei der alsterdorf assistenz ost, sondern beim Amt für soziale Dienste gemacht. Ich wollte möglichst viele Felder der Sozialen Arbeit kennenlernen und mich nicht auf die Eingliederungshilfe festlegen.

Was hat Sie zurückgeführt?

Nach meinem Abschluss war ich auf der Suche nach einer Festanstellung und sah mich kurze Zeit darauf im Vorstellungsgespräch meinem ehemaligen Chef gegenübersitzen. Das war natürlich eine recht niedrige Wiedereinstiegshürde (lacht). Von 1998 bis 2004 war ich dann - unterbrochen von zwei Elternzeiten - als Berater im Bereich Niendorf/ Schnelsen tätig, bis 2006 im Bereich Wandsbek. Die Beratungsbüros wurden damals gerade erst gegründet – ich gehörte also zur ersten Generation von Berater*innen. Es ging darum, die individuelle Assistenzplanung einzuführen, sozialräumliche Strukturen im Stadtteil zu erkunden und Klient*innen Möglichkeiten im Stadtteil aufzuzeigen.

Das war sicher eine spannende Zeit…

Sicher, aber jede Station war für mich auf ihre Weise prägend. Ich kann rückblickend nicht sagen, wo ich am liebsten gearbeitet habe. Ab 2006 war ich dann in der alsterdorf assistenz ost neun Jahre lang für den Fachdienst Bildung und Beschäftigung tätig. Als Berater war ich schon seit einiger Zeit übergreifend für einen größeren Bereich tätig. Im Fachdienst habe ich dann mit allen Ebenen zusammengearbeitet. Ich habe Beratungen im Kontext von Familien, Klient*innen, Mitarbeiter*innen, Leitungen und der Geschäftsführung durchgeführt. Darüber hinaus habe ich in verschiedenen Gremien mitgearbeitet. Dabei ging es u.a. um neue Leistungsvereinbarungen für die Tagesförderung, die Einführung von internen Konzepten wie die Beschäftigungsplanung, das Vorantreiben des Netzwerkes mit anderen Trägern und die Vertretung der Firma auf Tagungen. Die Aufgaben waren sehr vielseitig und spannend - aber auch auslaugend. Deshalb habe ich Anfang 2015 das Angebot zur Leitung der Tagesförderung Manshardtstraße angenommen - dankenswerterweise weiterhin mit einer 25-Stunden-Woche.

Was mögen sie an der Arbeit mit Menschen mit Behinderung?

Das ist ein Merkmal, das für mich keine Rolle spielt. Ich arbeite gerne mit Menschen. Menschen mit Behinderung sind Menschen. Punkt. Während meines Studiums habe ich ein Praktikum gemacht, bei dem ich vorrangig mit arbeitslosen Jugendlichen zusammengearbeitet habe. Diese Menschen bringen natürlich ganz andere Themen und Herausforderungen mit als die Klient*innen in der Tagesförderung. Und doch haben sie alle die gleichen menschlichen Bedürfnisse.

Welchen Herausforderungen müssen Sie sich bei Ihren Klient*innen stellen?

Der schwierige Balanceakt in der Eingliederungshilfe ist die Abwägung: Wie kann ich den Menschen unterstützen ohne ihn zu bevormunden? Man verfällt hier sehr leicht in paternalistische Verhaltensstrukturen. Das bekommt man dann auch sehr schnell von den Klient*innen zurückgespiegelt, wenn sie sich übergangen fühlen. Wenn wir unseren Job nicht gut machen, wird es schnell laut und chaotisch (lacht).

Gab es für Sie in den letzten Jahren ein besonderes Erfolgserlebnis?

Wir hatten in der Dorotheenstraße mal einen Klienten mit Downsyndrom, der gerne Gitarre spielen wollte. Inspiriert wurde er dazu wohl von ein paar Straßenmusikern. Ein Teil meiner Kolleg*innen hielt diesen Wunsch für absurd - als wenn ein Mensch mit Downsyndrom jemals „richtig“ ein Instrument spielen könnte. Ich habe ihn in seinem Vorhaben unterstützt und wir haben gemeinsam von seinem selbst verdienten Geld eine Gitarre gekauft. Er hat diese Gitarre so sehr gefeiert!

Ein anderer Klient aus meiner Wohngruppenzeit wies lange Zeit selbstverletzende Verhaltensmuster auf. Er hatte einen Freiheitsdrang und eine spezielle Vorstellung davon, was ihn interessiert. Ich habe ihn dann die Richtung vorgeben lassen und bin ihm einfach nur gefolgt. Gerne hielt er sich in Reisebüros auf, stöberte dort durch die Prospekte und ging auch gerne mal hinter den Tresen. Da musste ich als Begleitperson dann natürlich entsprechend vermitteln. Nach einiger Zeit hörte das Selbstverletzen jedenfalls auf - er war wieder ausgeglichener und zufriedener. Solche Geschichten bezeichne ich schon als Erfolgserlebnisse.

Wie gehen andere Menschen damit um, wenn Sie auffälligen Verhaltensweisen begegnen?

Ich kann hier nur aus meiner eigenen Erfahrungswelt sprechen, aber ich finde, die meisten Menschen gehen sehr entspannt mit solchen Situationen um. Natürlich gucken einige, wenn ein Klient in der U-Bahn plötzlich die Scheibe ableckt. Ich empfinde es aber nicht als meine Aufgabe, ihn davon abzuhalten. Ich verstehe mich mehr als Vermittler zur Umwelt. Dass man irritiert auf solche Verhaltensweisen reagiert ist verständlich. Die meisten sind jedoch tolerant und verständnisvoll.
Generell versuche ich anderen Menschen – auch meinen Kolleg*innen - die Sichtweise näherzubringen, die Menschen nicht durch die Defizit-Brille zu sehen, sondern zu ergründen, wo die Stärken und Fähigkeiten des einzelnen liegen.

Was sind die größten Veränderungen, die Sie in den letzten dreißig Jahren bei der alsterdorf assistenz ost beobachtet haben?

Vieles hat sich geändert und doch wieder wenig. In der Sozialen Arbeit gibt es ständig innovative Konzepte, die letztlich nie wirklich neu sind, sondern mit neuem Namen wieder aufgewärmt werden. Das ganze Thema Sozialraumorientierung ist ein gutes Beispiel dafür. Meiner Meinung nach ist es nahelegend, dass das Leben eines Menschen aus mehr als Wohnen und Arbeit besteht, dass man sich in seiner Stadt wohlfühlen möchte. Dieses Bedürfnis wurde Menschen mit Behinderung jedoch lange Zeit aberkannt, indem man sie in Anstalten gesteckt hat. Auch wenn die Dezentralisierung unserer Angebote schon mehr als dreißig Jahre zurückliegt, so arbeiten wir auch heute an vielen Stellen daran, dass unsere Klient*innen als gleichberechtigte Bürger*innen ihre Rechte und Pflichten wahrnehmen können.

Die sichtbarste Veränderung gibt es vermutlich bei den bürokratischen Anforderungen. Der Dokumentationsaufwand ist deutlich höher als früher. Da gerät man schnell in Sippenhaft: Wenn’s an einer Stelle schiefläuft, werden die Maßnahmen für alle verschärft. Damit muss man sich in unserem Beruf arrangieren.

Was ist das Besondere an Ihrer Tagesförderung?

Wir haben besondere Schwerpunkte im Bereich Musik, Tanz und auch Hauswirtschaft. Letztlich ist aber jede Einrichtung besonders durch die Menschen, die hier zusammenkommen. Bei uns gibt es zum Beispiel viele Klient:innen, die nicht mit Lautsprache, sondern mit Mimik, Gestik oder eben besonderem Verhalten kommunizieren. Das hat natürlich Einfluss auf unsere Arbeitsweise und auf die Grundatmosphäre im Haus. Letztlich geht es aber immer um eine individuelle Förderung. Es wird geschaut, welche Voraussetzungen die Klient:innen mitbringen und was sie benötigen, um sich bei uns zurechtzufinden und einer arbeitsähnlichen Beschäftigung nachgehen zu können. Wir versuchen, für jeden ein passendes Angebot zu stricken.

Haben Sie das Gefühl, dass die Arbeitsbelastung in den vergangenen Jahren gestiegen ist?

Das fällt mir schwer zu beurteilen, da ich für mich persönliche Schutzstrategien habe, falls der Druck steigt. Dann versuche ich mich auf den Kern meiner Arbeit zu besinnen und ganz genau abzuwägen, was in dieser Situation wirklich wichtig ist. Diese Einstellung versuche ich auch meinen Mitarbeiter*innen zu vermitteln. Zum Glück haben wir in der Tagesförderung keinen Produktionszwang wie in den Werkstätten. Die Fluktuation der Klient*innen ist auch relativ gering, viele sind noch jung und werden idealerweise noch in zehn Jahren zu uns kommen. Das entschleunigt unsere Arbeit an vielen Stellen.

Was schätzen Sie an der alsterdorf assistenz ost als Arbeitgeber?

Besonders schätze ich, dass sich der Personalschlüssel trotz geringer werdender Mittel und steigender Kosten bisher nicht verschlechtert hat. Außerdem mag ich die non-hierarchische Kommunikation und die gelebte Bodenständigkeit des Unternehmens. Es geht hier nicht so sehr um die Außendarstellung, sondern viel mehr um gelebte Werte. Die Work-Life-Balance ist für mich auch mehr als in Ordnung. Ich kann mit meiner 25-Stunden-Woche einer Leitungstätigkeit nachgehen. Das ist nicht selbstverständlich.

Und was würden Sie gern verändern?

Da muss ich nachdenken. Ich glaube, ich bin da zu genügsam. Ich glaube, ich würde unser Gebäude um 45 Grad drehen, damit die Sonne nicht mehr so in mein Büro knallt (lacht). Ansonsten bin ich gerne hier und bleibe auch noch ein paar Jahre!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Interviewpartner

Mick Jürgensen
Assistenzteamleitung

Telefon:

040. 65 99 22 11

Mobil:

0173. 248 19 66


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