Was macht eigentlich eine Sozialraum-Koordinatorin?

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Frau Krieger, wo genau befindet sich ihr aktueller Einsatzort und was hat Sie hierher verschlagen?

Ich arbeite für den Bereich Q8 - Quartiere bewegen, seit Beginn des Jahres im Stadtteil Jenfeld. Zuvor war mein Einsatzort in Horn. Dort bin ich 2020 in die inklusive Quartiersarbeit der Evangelischen Stiftung Alsterdorf eingestiegen – zur Coronazeit. Das waren nicht die optimalsten Voraussetzungen, um sich vor Ort mit den Menschen zu vernetzen (lacht).

Mein Erstberuf ist Psychologin, und ich habe lange im Bereich Stadtteilkultur gearbeitet. Das damalige Q8-Projekt kannte ich schon aus meiner Zeit im Goldbekhaus, dem Kulturzentrum in Winterhude, zwischen denen es eine Kooperation gab.

Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung bin ich dann, nach einem Ausflug in die Freiberuflichkeit, bei der Holding gelandet. Seit es das neue Trägerbudget gibt, bin ich nun bei der alsterdorf assistenz ost angestellt und freue mich darauf, die neuen Kolleg*innen und Klient*innen besser kennenzulernen.

Wie grenzt sich die Quartiersarbeit von anderen Angeboten der Stiftung ab?

Wir grenzen uns nicht ab, sondern verstehen uns eher als zusätzliche, allerdings fallunspezifische Ressource, die auf das Konto aller Menschen mit Unterstützungsbedarf im Quartier einzahlt. Anders als bei den Kolleg*innen der persönlichen Assistenz liegt unser Fokus nicht auf einem oder einer konkreten Klient*in, sondern auf dem Sozialraum, dem Lebensraum der Klienten.

Unser Job ist es, die Rahmenbedingungen für ein selbst bestimmtes Leben im Quartier zu verbessern. Dabei konzentrieren wir uns auf die acht elementaren Lebensbereiche, denen Q8 sein Name verdankt: Wohnen, Assistenz und Service, Arbeit und Beschäftigung, Gesundheit und Pflege, Bildung und Kunst, lokale Ökonomie, Spiritualität und Religion, Kommunikation und Partizipation.

Wie definiert man einen Sozialraum?

Ich verstehe unter Sozialraum den Lebensraum eines Menschen – also wo jemand wohnt, arbeitet, einkauft, soziale Beziehungen pflegt. Das heißt der Sozialraum kann individuell sehr unterschiedlich sein und deckt sich nicht unbedingt mit definierten Stadtteilgrenzen.

Und auch die Ressourcen eines Sozialraums sind sehr verschieden und nicht allein über statistische Daten, wie die Anzahl von sozialen Trägern oder Einkaufsmöglichkeiten zu bewerten. Sondern es geht auch um die Zugänge und die Möglichkeit der Teilhabe, die vorhandenen Angebote nutzen zu können. Wir Q8- Koordinator*innen bringen lokale Akteure an einen Tisch, sammeln Ideen für das Quartier und versuchen, Ressourcen zu bündeln und Hindernisse abzubauen. Ein Stadtteil ist wie ein Microkosmos, der Gesellschaft abbildet. Und in jeder dieser Bubbles gibt es Individuen, die mehr oder weniger aktiv sowie mehr oder weniger vernetzt sind und auch die Unterstützungsbedarfe sind eben verschieden.

Bei Q8 Quartiere arbeiten wir aktuell in sechs verschiedenen Sozialräumen: Bahrenfeld, Bad Oldesloe, Großlohe, Wilhelmsburg, Winterhude-Uhlenhorst und seit neuestem eben auch Jenfeld. Der Einsatzort richtet sich nach dem Veränderungspotential und seinen Möglichkeiten. Es kommt auch vor, dass Koordinator*innen aus einem Quartier abgezogen werden, wenn die dort vorangetriebenen Projekte zum Selbstläufer geworden sind oder umgekehrt zu wenig Ressourcen und Engagement vorhanden sind.

Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?

In Jenfeld bin ich ja noch recht frisch. Hier beginne ich zunächst mit einer Quartiersrecherche. Das heißt Sichten von verschiedensten Daten und statistischem Material, u.a. im Internet, aber natürlich auch viel vor Ort. Stadteilbüros sind gute erste Anknüpfungspunkte genauso wie Gremien oder Vereine. Manchmal gibt es Förderprogramme von Bezirksämtern – wie das Rahmenprogramm Integrierte Stadtteilentwicklung (RISE) – wo sich möglicherweise Kooperationen mit der Verwaltung ergeben.

Die erste Zeit in einem neuen Bezirk ist also vor allem aufsuchend, befragend - ich tingel gewissermaßen durch’s Quartier, versuche mich bekannt zu machen und überall vorzustellen und natürlich lerne ich auch die Angebote und Klient*innen der aaost kennen. Es geht darum, ein Gespür für die Atmosphäre im Quartier zu bekommen, zu verstehen, was für Menschen hier leben und arbeiten, welche Themen sie beschäftigen und welche Versorgungslücken und Veränderungsenergien es gibt. Aktuell lerne ich die verschiedenen Treffs im Bezirk Wandsbek kennen.

Im weiteren Verlauf arbeite ich mich dann gerne durch die genannten Lebensbereiche, ich schaue mir also zum Beispiel an, wie es konkret um die Versorgung im Bereich Gesundheit oder Bildung bestellt ist. Welche Sportangebote gibt es, sind diese einfach und barrierefrei zu erreichen, werden ältere oder körperlich eingeschränkte Menschen mitberücksichtigt, etc.? Wenn Verbesserungspotential besteht, versuche ich, die Verantwortlichen an einen Tisch zu bringen und gegebenenfalls zu moderieren.

Wichtig ist auch, dass wir Koordinator*innen nichts zwanghaft vorantreiben, sondern viel mehr Anstöße geben und Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Es braucht immer auch das Engagement der beteiligten Parteien, damit Projekte funktionieren. Unsere Arbeit ist ergebnisoffen, manchmal entsteht aus einer ursprünglichen Idee letztlich etwas ganz anderes, das vielleicht noch dringender gebraucht wird.

Können Sie ein Beispielprojekt beschreiben?

In Horn haben wir zum Beispiel Nachbarn dabei unterstützt, eine öffentliche Tauschbox zu installieren, die von Freiwillig*innen aus der Nachbarschaft betreut wird. Außerdem gab es einen Mittagstisch eines Seniorentreffs, der auch für andere Anwohner*innen, zum Beispiel Schulkinder, geöffnet wurde. Ein weiteres Beispiel sind Urban Gardening Projekte, also gemeinschaftlich genutzte Grünflächen und Hochbeete, in denen man sein eigenes Gemüse züchten kann. Im Kleinen kann Quartiersarbeit aber auch heißen, einer Klient*in einen Tanzkurs in der Nähe zu vermitteln oder nachbarschaftliche Unterstützung zu vernetzen oder, oder, oder…

Was begeistert Sie an Ihrer Arbeit und was erleben Sie als herausfordernd?

Mich begeistert, dass ich durch meine Arbeit neue Stadtteile mit ihren Menschen und Lebensweisen kennenlernen darf. Natürlich ist es toll, wenn man Erfolge verzeichnen kann, hier muss ich allerdings oft meine eigenen Erwartungen zügeln. Es kann schon ein Erfolg sein, eines der beschriebenen Microprojekte ins Laufen zu bringen, Menschen zum Austausch anzuregen oder einen Workshop mit fünf Personen zu füllen.

Frustrierend ist es, wenn Projekte im Sande verlaufen, weil keine Energie mehr oder zu wenige Ressourcen da sind. Quartiere sind eben dynamisch, was bedeutet, dass Menschen und Interessen wechseln und Projekte manchmal scheitern. Dennoch habe ich Freude am Ausprobieren und bestmögliche Lösungen finden und wünsche mir mehr Mut und Offenheit gegenüber Fehlern, die leider auch dazugehören. Wir müssen einfach mehr vom Reden ins Tun kommen, um gemeinsam etwas zu bewegen.

Vielen Dank für die interessanten Einblicke!


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