Inklusives Lernen – Einblicke in einen Englischkurs für Menschen mit Behinderung

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„Hello everybody!“ Gunhild Marks öffnet beschwingt die Tür zum Unterrichtsraum am Alsterdorfer Markt. Ihre Kursteilnehmenden versammeln sich um den großen Konferenztisch. Bevor der Englischunterricht beginnt, herrscht angeregtes Geplapper. Schließlich hat man sich eine Woche lang nicht gesehen und es gibt jede Menge zu erzählen. Der Austausch ist ausdrücklich erwünscht, solange der Unterrichtsstoff nicht zu kurz kommt. Der inklusive Englischkurs ist ein Angebot der Erwachsenenbildung der alsterdorf assistenz ost gGmbH, welches sowohl im Programm des Bildungsnetz Hamburg als auch der Volkshochschule angeboten wird. Am Unterricht können Menschen mit und ohne Behinderung teilnehmen.

Nach einem kurzen Austausch lädt die Dozentin ihre Teilnehmenden zu einer kleinen Wiederholung der letzten Unterrichtseinheit ein. Es handelt sich um einen Einsteigerkurs, daher werden einfache Satzgefüge geübt. „What is your favourite colour?“, will Frau Marks von ihren ‚Lehrlingen‘ wissen. Die Antworten kommen wie aus der Pistole geschossen. Die Farben sitzen. Etwas komplizierter wird es bei der Frage nach der Uhrzeit. Die Übersetzung von „halb sechs“ zu „half past five“ ist für einige schwer nachzuvollziehen. „Die Zahlen habt ihr drauf, nur das britische Zeitsystem braucht etwas Umgewöhnung“, ermutigt sie Frau Marks.

Sie ist eine sehr zugewandte und geduldige Lehrerin. Geduld, die braucht man, um Menschen mit Lernschwierigkeiten eine Sprache beizubringen. Die Fortschritte sind relativ kleinschrittig, der Lernprozess manchmal etwas aufwendiger. Doch die Teilnehmenden sind voller Begeisterung und nur vereinzelt ist etwas Frust über die schwierige Grammatik zu spüren.

Die Gruppe besteht aus sechs Frauen und Männern. Fünf von ihnen haben unterschiedliche Beeinträchtigungen. Die sechste im Bunde ist eine Seniorin, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine neue Sprache lernt. „Meine Tochter hat mir eine Reise nach London geschenkt“, berichtet sie voll Vorfreude. „Ich kann doch nicht in ein Land reisen, dessen Sprache ich überhaupt nicht beherrsche!“ „Also hast du dich kurzerhand zu unserem Englischkurs angemeldet“, lächelt Frau Marks. „So ganz bewusst, was für ein Kurs das ist, warst du dir aber anfangs nicht, oder?“ „Ich wollte eigentlich einen anderen Englischkurs über die VHS belegen, der war aber ausgebucht“, erklärt die Dame. „Also hat man mir den inklusiven Kurs angeboten. Ich hatte keine Vorstellung, was das bedeutet, und habe mich einfach mal darauf eingelassen.“

Am Anfang sorgte das Verhalten einiger Teilnehmenden bei der Seniorin für etwas Unverständnis, als jemand zum Beispiel in sein Handy blickte oder eine kurze Extrapause benötigte. „Ich habe ihr dann erklärt, dass wir ein besonderer Englischkurs sind, in dem etwas lockerere Regeln gelten. Die Bedürfnisse und Aufmerksamkeitsspannen unserer Teilnehmenden sind sehr unterschiedlich, dennoch ist jeder willkommen, der etwas lernen möchte“, berichtet Frau Marks.

Heute ist die letzte Unterrichtseinheit des Kurses. Die Gruppe ist mittlerweile zu einer festen Truppe zusammengewachsen. Einige von ihnen haben den Kurs schon öfter belegt und sind dementsprechend etwas weiter. Man unterstützt sich gegenseitig und hat auch viel Spaß miteinander. Auch die wertgeschätzte Seniorin gewöhnt sich schmunzelnd an die Besonderheiten des Kurses. Zum Geburtstag brachte sie einer Teilnehmenden sogar ein Geschenk mit. Frau Marks dazu: „Es ist sehr anrührend zu beobachten, wie die Gruppe recht schnell zusammenwächst.“

Als nächstes sollen Körperteile benannt werden. Zur Unterstützung dient eine beschriftete Zeichnung. Die Teilnehmenden müssen abwechselnd auf eines ihrer Körperteile deuten und ihre Kolleg*innen nach der treffenden Vokabel befragen. Manchen fällt dabei die Übersetzung leichter als die Unterscheidung von links und rechts. Es geht also letztlich nicht nur um das Erlernen einer Sprache, sondern auch um Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer und soziale Kompetenz.

Es ist spannend zu beobachten, dass die Teilnehmenden unterschiedliche Stärken haben, die sich in der Gruppe gut ergänzen. Wenn einer mal frustriert ist, ermutigen andere ihn. Wenn jemand zum Beispiel eine Vokabel vergessen hat, kreiert man gemeinsam eine Eselsbrücke. Letztendlich sind die unterschiedlichen Voraussetzungen gar nicht so anders als in einer gewöhnlichen Schulklasse. In einer kleinen Gruppe wie dieser kann jedoch flexibler auf die Bedürfnisse einer einzelnen Person eingegangen werden. Ein inklusiver Kurs muss also nicht unbedingt ein Nachteil für diejenigen sein, die keine Beeinträchtigung haben. Die Seniorin ist zumindest über das gemäßigte Lerntempo sehr glücklich, da auch für sie das Erlernen einer neuen Sprache eine ziemliche Herausforderung darstellt und das fröhliche Miteinander für sie abwechslungsreich und ermunternd ist.

Zum Abschluss der Stunde wird gemeinsam ein englischer Song performt. Gunhild Marks und ihr Mann produzieren in ihrer Freizeit eigene englische Balladen mit Musikvideos, die sie auf ihrer Website teilen.* Songs von der Stange werden im Englischkurs nicht verwertet. Die Teilnehmenden sollen sich aber nicht nur auf die Bedeutung des Textes konzentrieren, sondern parallel auch die Choreographie einüben, die Frau Marks vormacht. Eine ganz schöne Herausforderung, die allen offensichtlich Freude bereitet.

Es ist eine angenehme vertraute Atmosphäre zwischen den Teilnehmenden, die sich auch vor und nach der Stunde gut zu verstehen scheinen. Das liegt nicht zuletzt an der positiven Ausstrahlung ihrer Dozentin, die seit einiger Zeit einen weiteren Englischkurs im Bovetreff in Wandsbek anbietet. Ihre Kursteilnehmenden bleiben ihr in der Regel über mehrere Kurseinheiten hinweg treu. Auch die Seniorin hat bereits signalisiert, nach ihrer London-Reise weiter teilzunehmen zu wollen.


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