Ein Weg zu mehr sexueller Selbstbestimmung

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Mitarbeiterin Kristin Burzynski durchläuft aktuell die Fortbildung zur Fachkraft für Sexualität und Behinderung und wird damit künftig eine zentrale Beratungsfunktion in der alsterdorf assistenz ost einnehmen. Im Interview erklärt sie, warum das Thema mehr Aufklärung und progressives Denken erfordert.

Frau Burzynski, warum braucht es eine Fachkraft für Sexualität?

Sexuelle Selbstbestimmung hat in den letzten Jahren viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Überall, wo es Doppeltabus (wie hier Sex und Behinderung) gibt, braucht es eine besonders intensive Beschäftigung mit dem Thema. Bislang ist dies ein zu wenig bearbeiteter Bereich in Institutionen, speziell in der Eingliederungshilfe.

Grundsätzlich muss es in jeder Einrichtung ein sexualpädagogisches Konzept geben. Dort werden allgemeine Leitlinien festgelegt und natürlich Gewaltschutzmaßnahmen festgeschrieben. In der Beratung soll es jedoch um mehr gehen, nämlich um eine positive Grundhaltung und Souveränität im Umgang mit Sexualität.


Worum geht es in der Fortbildung, die Sie machen?

Die Fortbildung ist in Duisburg und beinhaltet acht Module, die blockweise an jeweils zwei Tagen stattfinden. In den Modulen geht es unter anderem um die Frage, was man unter sexueller Selbstbestimmung versteht, wie sexualpädagogische Beratung funktioniert und welche Methoden und Hilfsmittel hier zum Einsatz kommen können. Letztere sind besonders in der Eingliederungshilfe relevant, in der es viele Menschen mit körperlichen Einschränkungen gibt.

Am Ende eines Moduls gibt es immer Gäste, die aus der Praxis berichten. Einmal war zum Beispiel ein Callboy dabei, der sich auf die Zielgruppe Menschen mit Behinderung spezialisiert hatte. Das war super spannend!


Wo sehen Sie die größten Hürden in puncto sexueller Selbstbestimmung von Klient*innen?

Es wäre schon viel getan, wenn die Gesellschaft das Selbstbestimmungsrecht von Menschen mit Behinderung anerkennen würde. Sie galten lange Zeit als asexuell. Das beste Beispiel hierfür sind unsere Toilettenschilder: männlich, weiblich, behindert.
Ich habe schon an Stellen gearbeitet, da hieß es von den Mitarbeitenden, man wolle bezüglich dem Thema Sexualität lieber „keine schlafenden Hunde wecken“. Dabei existieren hier dieselben Bedürfnisse wie bei allen Menschen. Es ist auch ein Irrtum, dass es dabei immer um Genitalverkehr geht. Oft geht es um Nähe und Zuwendung.

Wenn eine Klientin Kontakt zu einem Callboy möchte, muss dies zwar aus rein monetären Gründen mit der gesetzlichen Betreuungsperson abgestimmt werden - diese darf den Wunsch jedoch nicht einfach verweigern, sofern die finanzielle Situation es zulässt. Auch eine Institution darf nicht einfach darüber bestimmen, bei oder mit wem ich schlafe.

Manche Institutionen fürchten sich jedoch davor, die Sexualität von Menschen mit Behinderung zu fördern geschweige denn öffentlich zu thematisieren. Sie haben Sorge, dass sich dies negativ auf potentielle Spenden auswirken könnte.


Gibt es noch weitere Herausforderungen?

Ein super schwieriges Thema ist natürlich noch immer die Verhütung. An vielen Stellen wird heute noch standardmäßig mit der Pille oder Dreimonatsspritzen verhütet. Es gibt inzwischen aber auch andere Verhütungsmittel, z.B. spezielle Kondome mit Flügeln, die eine erleichterte Anwendung haben. Grundsätzlich haben Menschen mit Behinderung natürlich gleiches Recht auf Reproduktion.

Manche Sextoys können heute schon über die Krankenkasse finanziert werden. Insgesamt ist es aber ein sehr unterfinanzierter Bereich, für den es z.B. keine Pauschale in der Grundsicherung gibt. Es können auch schwierige Situationen bei der Ermöglichung sexueller Selbstbestimmung entstehen, z.B. bei der Logistik eines Bordellbesuchs oder bei der Reinigung von Sextoys.

Es gibt inzwischen spezielle Fortbildungen für sogenannte Sexual-Assistent*innen. Da geht‘s dann um Störungsbilder und spezifische Anforderungen von Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung. Oft gibt es leider jedoch finanzielle Hürden, wenn ein*e Klient*in solche Dienstleistungen in Anspruch nehmen möchte. Der Weg zur Sexworkerin, z.B. auf dem Kiez, ist meist leichter als zur Sexualassistenz, die ggf. erstmal anreisen muss. Natürlich ist eine Sexworkerin nicht zwangsläufig weniger einfühlsam. Bei beiden gibt es unterschiedliche Erfahrungen.


Worin sehen Sie die größten Chancen?

Sexualität ist eine Lebensenergie, die sich dem Körper bedient und viele verschiedene Äußerungen hat – mit dem Sinn, sich wohlzufühlen. Mein Ziel ist es, dass jede*r Klient*in für sich herausfindet, welche Bedürfnisse sie/ er hat und wie diese befriedigt werden können.

Gerade ältere Generationen haben meiner Erfahrung nach sehr viel Nachholbedarf an sexueller Aufklärung. Heute gibt es dazu weitaus mehr Angebote, z.B. von offenen Beratungsstellen wie Pro Familia, der Schatzkiste oder dem Familienplanungszentrum in Altona. Natürlich muss man diese Angebote kennen und nutzen.

Aus meiner Sicht sollte jede*r Mitarbeiter*in der alsterdorf assistenz ost zu diesem Thema geschult werden. Das Minimum ist eine Einweisung zum Thema sexualisierte Gewalt, wie sie auch im Schutzkonzept verankert ist. Sexuelle Grenzverletzung fängt schon bei Worten und Blicken an. Wir brauchen viel Sensibilität, um potentielle Täter*innen rechtzeitig zu erkennen und Übergriffe im Idealfall gar nicht erst entstehen zu lassen. Hier hilft auch das erweiterte Führungszeugnis, das seit einigen Jahren Pflicht ist.

Sobald meine Ausbildung abgeschlossen ist, würde ich gerne als Beraterin in die verschiedenen Teams gehen. Wenn ich es mir aussuchen darf, würde ich gerne nicht nur als Feuerlöscherin im Krisenfall einspringen, sondern schon im Vorfeld bei Fragen und Unsicherheiten unterstützen. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, das Thema Sexualität positiv zu besetzen und für mehr Offenheit zu werben. Das fängt schon bei der korrekten Bezeichnung von Geschlechtsteilen an.

Was hat Sie persönlich zu der Auseinandersetzung mit dem Thema geführt?

Mir fiel es schon immer leicht, über Sexualität zu sprechen, das wurde früh in meiner Familie kultiviert. Während meines FSJ fiel mir dann erstmalig auf, dass es für dieses Thema überhaupt keinen Ansprechpartner*innen gab, was dazu führte, dass viele Bedürfnisse einfach unbemerkt und folglich unerfüllt blieben.

Danach habe ich meine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin in Alsterdorf gemacht und meine Facharbeit über das Thema geschrieben. Auch später in der Berufspraxis fehlte mir diesbezüglich irgendwie ein roter Faden. Das beflügelte meinen Wissensdurst umso mehr.

Als dann im letzten Jahr die Stellenausschreibung für die Weiterbildung zur sexualpädagogischen Fachkraft kam, habe ich mich sofort darauf beworben und bin froh, dass ich genommen wurde. Ich kann mir gut vorstellen, in Zukunft durch verschiedene Einrichtungen zu ziehen, um möglichst viele Mitarbeitende und Klient*innen zu dem Thema zu beraten. Ich wünsche mir, dass wir das Thema Sexualität nicht mehr nur aus der Pädagog*innen-Brille betrachten, generell mehr Offenheit für verschiedene Bedürfnisse entwickeln und häufiger „ja“ als kategorisch „nein“ zu kreativen Lösungsansätzen sagen.

 

Hoffen wir, dass dieser Wunsch in Erfüllung geht!


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